Die bis zum Herbst des Jahres 2006 gültige deutsche Vornormenreihe VDE V 0185 spiegelt inhaltlich den bei IEC TC 81 diskutierten Stand des Jahres 2001
inklusive einigen nationalen Ergänzungen wieder. Seitdem wurden die internationalen Entwürfe bei IEC unter der Klassifizierung IEC 62305 weiter diskutiert und abgestimmt. Zu Beginn des Jahres 2006 wurden die neuen IEC-Standards zum Blitzschutz veröffentlicht, die Teile 1 bis 4 der Reihe IEC 62305. Nahezu zeitgleich traten sie damit auch als neue europäische Blitzschutz-Normen EN 62305-1 bis 4 in Kraft. Im weiteren Verlauf des Jahres 2006 wurden
diese Normen von DKE als DIN EN 62305-1 bis 4 übernommen.
Die VDE-Klassifizierung dafür lautet: VDE 0185-305-1 bis 4. Diese neuen Normen ersetzen die Vornormen der Reihe VDE V 0185-1 bis 4 aus dem Jahre 2002. Für die bis Ende September 2006 in Planung oder in Bau befindliche Anlagen gilt die DIN V VDE V 0185 in einer Übergangsfrist von zwei Jahren (bis 01.10.2008).
Die Klassifizierung als VDE 0185-305-1 bis 4 zeigt, dass die neue Normenreihe nicht vollständig der Vornormenreihe VDE V 0185 entspricht. Allerdings fallen die Neuerungen für die vier Normenteile sehr unterschiedlich aus. Oftmals sind die Neuerungen nur im Aufbau der Normenteile zu sehen, weniger in geänderten Inhalten. Vergleicht man die neue DIN EN 62305 mit den bisher gültigen Vornormen DIN V VDE V 0185 so ist zu erkennen, dass sich die Teile 1 bis 4 nach wie vor thematisch voll entsprechen. Für alle Teile gilt, dass sich Begriffe und Parameter geändert haben. Dies ist bei der Anwendung zu beachten. Mit den neuen Normen der Reihe DIN EN 62305 wird der Stand der Technik im Bereich Blitzschutz auf einer einheitlichen und aktuellen europäischen Basis wiedergegeben. Den eigentlichen Schutznormen (DIN EN 62305-3 und -4) sind zwei allgemein gültige Normenteile (DIN EN 62305-1 und -2) vorangestellt (Tabelle 1.1.1). Wichtige nationale Informationen sind nicht gestrichen, sondern werden in den der Norm folgenden Beiblättern (Tabelle 1.1.2) gegeben.

DIN EN 62305-1 (VDE 0185-305-1): Allgemeine Grundsätze

Dieser Teil enthält Informationen über die Gefährdung durch den Blitz, über Blitzkenndaten und über die daraus abgeleiteten Parameter zur Simulation von Blitzwirkungen. Weiterhin wird ein Gesamtüberblick über die Normenreihe DIN EN 62305 gegeben. Vorgehensweise und Schutzprinzipien, die den nachfolgenden Teilen zugrunde liegen, werden erläutert.

LEMP

DIN EN 62305-2 (VDE 0185-305-2): Risiko-Management

Das Risikomanagement nach DIN EN 62305-2 verwendet eine Risikoanalyse um zuerst die Notwendigkeit des Blitzschutzes zu ermitteln. Danach wird die technisch und wirtschaftlich optimale Schutzmaßnahme festgelegt. Abschließend wird das verbleibende Restrisiko bestimmt. Ausgehend vom ungeschützten Zustand des Objektes wird das verbleibende Risiko so lange vermindert, bis
es das akzeptierbare Risiko unterschreitet. Das Verfahren kann sowohl zur einfachen Bestimmung der Schutzklasse eines Blitzschutzsystems nach DIN EN 62305-3, als auch zur Festlegung eines komplexen Schutzsystems gegen den elektromagnetischen Blitzimpuls (LEMP) nach DIN EN 62305-4 verwendet werden.

DIN EN 62305-2-Beiblatt 1 (VDE 0185-305-2-Beiblatt 1):
Blitzgefährdung in Deutschland


In diesem Beiblatt 1 zur DIN EN 62305-2 wird die Erdblitzdichte Ng für Deutschland an Hand einer Karte dargestellt. Der Wert Ng wird zur Risikoanalyse nach DIN EN 62305-2 benötigt.


DIN EN 62305-2 Beiblatt 2 (VDE 0185-305-2 Beiblatt 2)

Berechnungshilfe zur Abschätzung des Schadensrisikos für bauliche Anlagen


DIN EN 62305-3 (VDE 0185-305-3): Schutz von baulichen Anlagen und Personen


Dieser Teil behandelt den Schutz von baulichen Anlagen und Personen vor materiellen Schäden und vor Lebensgefahr, die durch die Wirkung des Blitzstromes oder durch gefährliche Funkenbildung, insbesondere bei direkten Blitzeinschlägen, entstehen. Als Schutzmaßnahme dient ein Blitzschutzsystem,
bestehend aus Äußerem Blitzschutz (Fangeinrichtung, Ableitungseinrichtung und Erdungsanlage) und dem Inneren Blitzschutz (Blitzschutz-Potentialausgleich und Trennungsabstand). Das Blitzschutzsystem wird über seine Schutzklasse definiert, wobei die Wirksamkeit von Schutzklasse I zu Schutzklasse IV abnimmt. Die benötigte Schutzklasse wird mit Hilfe der Risikoanalyse nach DIN EN 62305-2 ermittelt, soweit sie nicht durch Vorschriften (z. B. Bauordnungen) festgelegt ist.


DIN EN 62305-3 Beiblatt 1 (VDE 0185-305-3 Beiblatt 1): Zusätzliche Informationen zur Anwendung der DIN EN 62305-3 (VDE 0185-305-3)

Ein großer Teil des Beiblattes 1 gibt Erläuterungen zum Anhang E „Leitfaden für Entwurf, Ausführung, Wartung und Prüfung von Blitzschutzsystemen“ der Norm. Es wird verstärkt auf die Dimensionierung der Fangeinrichtung, die Nutzung metallener Komponenten, die Anordnung von Fangleitungen und Fangstangen, die Nutzung der Schutzbereiche usw. eingegangen. Weiterhin werden Informationen zum Brandverhalten von Baustoffen und Bauteilen gegeben. Zur Abgrenzung des Zuständigkeitsbereiches der Norm werden die Bereiche, für die es spezielle Vorschriften gibt, aufgezählt.Weiterhin befinden sich im Beiblatt 1 zur DIN EN 62305-3 textliche Erweiterungen zu Begriffsdefinitionen (z.B.: Ableitungseinrichtung, Erder, Blitzschutz-Potentialausgleich) . Es erfolgen auch Hinweise auf die richtige Handhabung von Leitungen aus Aluminium auf, im oder unter Putz, Mörtel und Beton. Wichtig ist der Hinweis, dass die Verwendung von Aluminium im Erdreich grundsätzlich verboten ist. An mehreren Beispielbildern wird der Einsatz von Verbindungsleitungen bei Einzelerdern erläutert. Die Behandlung von Schutzmaßnahmen gegen Berührungs- und Schrittspannungen, Verwendung von Regenrinnen, Fallrohren und Stahlstützen, natürlichen Erdern, Bauteilen aus handwerklicher oder industrieller Produktion und Korrosionsschutzmaßnahmen werden ebenfalls ergänzt oder auch durch erläuternde Bilder gezeigt.


DIN EN 62305-3 Beiblatt 2 (VDE 0185-305-3 Beiblatt 2): Zusätzliche Informationen für besondere bauliche Anlagen

Das Beiblatt beinhaltet Informationen für besondere bauliche Anlagen (wie z.B. Krankenhäuser, Sportanlagen, Siloobjekte mit explosionsgefährdete
Bereichen, Hochregallager, Photovoltaikanlagen, Biogasanlagen) und berücksichtigt damit die technologische Entwicklung der letzten Jahre.


VDE 0185-305-3 Beiblatt 3 (VDE 0185-305-3 Beiblatt 3): Zusätzliche Informationen für die Prüfung und Wartung von Blitzschutzsystemen

Dem Anwender wird mit diesem Beiblatt ein in sich geschlossenes Papier über die Prüfung von Blitzschutzsystemen an die Hand gegeben. Bewährte Inhalte aus der DIN V VDE V 0185-3:2002-11, Hauptabschnitt 3, wurden übernommen, sofern sie nicht Forderungen der DIN EN 62305-3 widersprachen. Begriffe und deren Bedeutung wie z.B. den der Blitzschutzfachkraft wurden festgelegt.


DIN EN 62305-4 (VDE 0185-305-4): Schutz elektrischer und elektronischer Systeme in baulichen Anlagen

Dieser Teil behandelt den Schutz von baulichen Anlagen mit elektrischen und elektronischen Systemen gegen die Wirkungen des elektromagnetischen Blitzimpulses. Aufbauend auf den Schutzmaßnahmen entsprechend DIN EN 62305-3 werden durch diese Norm zusätzlich auch die Wirkungen von elektrischen und magnetischen Feldern und von induzierten Spannungen und Strömen berücksichtigt, die durch direkte und indirekte Blitzeinschläge hervorgerufen werden. Bedeutung und Notwendigkeit dieser Norm ergibt
sich aus der zunehmenden Verwendung vielfältiger elektrischer und elektronischer Systeme, die unter dem Begriff Informationssysteme zusammengefaßt werden. Zum Schutz der Informationssysteme wird die bauliche Anlage in Blitzschutzzonen (LPZ) unterteilt. Somit können örtliche Unterschiede von Anzahl, Art und Empfindlichkeit der elektrischen und elektronischen Geräte bei der Auswahl der Schutzmaßnahmen berücksichtigt werden. Für jede Blitzschutzzone werden mit Hilfe der Risikoanalyse nach DIN EN 62305-2 diejenigen Schutzmaßnahmen ausgewählt, die einen optimalen Schutz bei minimalen Kosten bieten.

Die VDE-Normen VDE 0185-305 Teile 1 bis 4 sind anwendbar für das Planen, Errichten, Prüfen und Warten von Blitzschutzsystemen für bauliche Anlagen,
deren Installationen, ihren Inhalten und der sich darin befindlichen Personen.

Produktnormen

Materialien, Komponenten und Bauteile für Blitzschutzsysteme müssen für die während der Anwendung zu erwartenden elektrischen, mechanischen und chemischen Beanspruchungen ausgelegt und geprüft sein. Dies betrifft sowohl die Komponenten des Äußeren Blitzschutzes als auch Bauteile
des Inneren Blitzschutzes.

Quelle: Dehn + Söhne